Skip to main content

Gemeinsamkeiten zwischen dem Finnischen und Türkischen

Anlässlich unserer gemeinsamen Klimaschutzprojektreise mit deutschen, finnischen und türkischen Schülern haben wir uns mit den jeweiligen Sprachen der Schüler beschäftigt. Zwischen der finnischen und türkischen Sprache fanden wir auffällig viele Gemeinsamkeiten, die wir im folgenden darstellen:

Finnisch gehört zu der Finno-Ugrischen Sprachfamilie mit ca. 5,8 Mio. Sprechern. Türkisch ist die größte Turksprache mit ca. 50 Mio. Sprechern.

1. Es gibt einige ähnliche Wörter, z.B.:

‘koulu‘ und ‘okul‘ (die Schule)

‘sinut‘; bei Verneinung ‘sinua‘ und “seni”  (dich)

‘koira‘ und ‘köpek‘ (der Hund)

‘kissa‘ und ‘kedi‘ (die Katze)

‘ol(en)‘ und ‘ol(mak)‘ (sein)

‘sinä‘ und ‘sen‘ (du)

‘Ahti‘ (Gott des Wassers, der Meere) und ‘ata‘ (Ahn,Vorfahr)

2. In der türkischen Sprache gibt es keine genauen Regeln für die Wortfolge in einem Satzgefüge. Dem Finnischen gilt das Gleiche, z.B.:

finn. Mikä (Wie) sinun (dein) nimesi (Name) on (ist)?

finn. Mikä (wie) on (ist) sinun (dein) nimesi (Name)?

türk. Senin(dein) ad?n(Name) nedir(wie ist)?

türk. Nedir(wie ist) senin(dein) ad?n(Name)?

3. In der türkischen wie in der finnischen Sprache verwenden wir meistens Substantivendungen und keine Präfixe.

Das Grundprinzip der Wortbildung im Finnischen ist das Anhängen von Endungen an den Wortstamm. Verbindet man den Stamm auto z.B. mit Endungen -i, -si und -kin - auch die Verbformen werden im Finnischen nach gleichem Prinzip (Verbstamm + Endung) gebildet -, kann man folgende Wörter bilden:

auto/ssa                                            ‘im Auto‘

auto/i/ssa                                          ‘in den Autos‘

auto/ssa/si                                       ‘in deinem Auto‘

auto/si                                               ‘dein Auto‘

auto/kin                                             ‘auch das Auto‘

auto/si/kin                                        ‘auch dein Auto‘

auto/ssa/kin                                     ‘auch im Auto‘

autoi/ssa/kin                                     ‘auch in den Autos‘

autoi/ssa/si                                      ‘in deinen Autos‘

autoi/ssa/si/kin ‘auch in deinen Autos‘

4. Das Finnische weicht in zweierlei Hinsicht von den meisten anderen Sprachen ab:

a) Es gibt mehr Kasusendungen (15) als in den meisten europäischen Sprachen. Norma-lerweise entsprechen sie Prä- oder Postpositionen anderer Sprachen: vgl. finn. auto/ssa, auto/sta, auto/oon, auto/lla - dt. ‘im Auto‘, ‘aus dem Auto‘, ‘in das Auto hinein‘, ‘mit dem Auto‘.

Das Türkische kennt sechs Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ (bestimmt: eigene Endung; unbestimmt: formengleich mit dem Nominativ), Lokativ und Ablativ. Die entsprechenden Endungen sind

    * Nominativ (und unbestimmter Akkusativ): endungslos (göl - der See, ein See, einen See; araba - Auto)
    * Genitiv: ein Vokal nach der großen Vokalharmonie und ein n (gölün - des Sees; araban?n - des Autos, das n vor der Endung ist Hiatustilger)
    * Dativ: ein Vokal nach der kleinen Vokalharmonie (göle - dem See; arabaya - dem Auto, y ist Hiatustilger)
    * bestimmter Akkusativ: ein Vokal nach der großen Vokalharmonie (gölü - den See; arabay? - das Auto, y ist Hiatustilger)
    * Lokativ: ein d und ein Vokal nach der kleinen Vokalharmonie (gölde - im See; arabada - im Auto)
    * Ablativ: An den Lokativ wird ein n angehängt (gölden - vom See her; arabadan - aus dem Auto heraus) Kasusendungen:

Araba/da        im Auto

Araba/dan      aus dem Auto und/oder vom Auto

Araba/(y)a      zu dem Auto und/oder in das Auto hinein

Araba/(y)?       Akkusativendung

Araba/(y)la     mit dem Auto

Araba/s?z       ohne das Auto

Araba/n?n       des Autos

b) Das Finnische gebraucht in einigen Fällen Endungen (Possesivsuffixe), für die es in den indoeuropäischen Sprachen im allgemeinen selbstständige Wörter gibt, z.B.:

min/ un = ben/ im ‘mein‘

sin/ un = sen/ in ‘dein‘

hän/ en = o(n)/ un ‘ihre,seine‘

vgl. finn. kirja/ni ‘mein Buch‘, kirja/si ‘dein Buch, kirja/mme ‘unser Buch‘

Possesivendungen gibt es auch im Türkischen:

ayna/m       mein Spiegel

ayna/n        dein Spiegel

ayna/(s)?     ihr/sein Spiegel

ayna/m?z    unser Spiegel

ayna/n?z     euer/Ihr Spiegel

ayna/lar?     ihr Spiegel

c) Die Substantive des Finnischen weichen von den indogermanischen Sprachen auch in der Hinsicht ab, als dass es kein grammatisches Geschlecht gibt, vgl. dt. ‘der‘, ‘die‘, ‘das‘. Im Finnischen gibt es diese Unterschiede nicht, es gibt auch keine Artikel im Finnischen.

In der türkischen Sprache gibt es kein grammatikalisches Geschlecht und auch keine Artikel.

4. Lautstruktur: Vokalharmonie

Im Finnischen steht der Suffixvokal in der Abhängigkeit vom Wurzelvokal: einem vorderen Vokal folgt ein vorderer, einem hinteren Vokal ein hinterer, z.B.:

talo/ssa kylä/ssä

kato/lla käde/ssä

poja/lla tytö/ltä

kahvi/la/ssa/han      kylpy/lä/ssä/hän

Ein wichtiges Konzept der Grammatik der türkischen Sprache ist die Vokalharmonie. Viele Endungen (Suffixe) passen ihren Vokal dem Vokal der vorherigen Silbe an. Man unterscheidet die Vokale in zwei Gruppen:

* dunkle Vokale, a ? o u

* helle Vokale, e i ö ü

Die Vokalharmonie besteht aus zwei verschiedenen Regeln, welche als “kleine” und “große” Vokalharmonie bezeichnet werden.

Kleine Vokalharmonie:

Auf helle Vokale folgt e

Auf dunkle Vokale folgt a

Große Vokalharmonie:

In der großen Vokalharmonie folgt auf

a oder ? ein ?,

o oder u ein u,

e oder i ein i,

ö oder ü ein ü.

Die große Vokalharmonie wird beispielsweise bei der Bildung des Fragepartikels “-m?, -mi, -mu, -mü” verwendet.

Bestimmend ist, welcher Vokal in der letzten Silbe des Wortstammes steht, z.B.:

Pluralendung ist  “-ler,-lar”;

Kalem-ler (letzte Vokal “e” deswegen “-ler”)

Ayna-lar (letzte Vokal  “a” deswegen  “-lar”)

Endungen müssen in einer bestimmten Reihe stehen:

Araba/da                im Auto

Araba/n/da             in deinem Auto

Araba/n/da da        auch in deinem Auto  (auch ist “da” und man schreibt es getrennt)

Araba/lar/(?)n/da    in deinen Autos

Also erst Pluralendung, dann Possesivendung, dann Kasusendung.

5. Bedeutung:  In der türkischen Sprache bedeutet ‘ay‘ sowohl ‘Mond‘ als auch ‘Monat‘, in der finnischen Sprache benutzt man das Wort ‘kuu‘ auch in beiden Bedeutungen.

Es gibt zahlreiche Versuche, die Verwandtschaft der uralischen Sprachen mit anderen Sprachgruppen wie dem Indogermanischen und Altaischen, aber auch einzelnen kleineren sibirischen Sprachfamilien nachzuweisen. Längere Zeit wurde die Hypothese einer ural-altaischen Sprachfamilie diskutiert. Sie findet heute in dieser Form (als binäre Verwandtschaft) keine Anhänger in der Fachwissenschaft, ist aber in populären Darstellungen und Schulbüchern noch weit verbreitet, zumal Sprachen der beiden Gruppen teilweise auffallende morphologische Ähnlichkeiten (Vokalharmonie, agglutinierender Sprachbau) aufweisen.

Derya ?ahin, ?EL’11

Milena Kimpel, 12. Klasse RSS