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Das „Bewegliche Klassenzimmer“

Im Schuljahr 2007/2008 startete unsere neue erste Klasse das Experiment „Bewegliches Klassenzimmer“, das inzwischen an fast jeder dritten Waldorfschule in Deutschland lebt. Durch ein neues Mobiliar, mit Bänken und mit Hilfe eines neu strukturierten Schulalltags können neue, notwendig gewordene Ziele für ein fruchtbares Lernen verfolgt werden:

1. Stärkung der Sozialkompetenz
Die Kreisform ermöglicht den Kindern und Lehrern im Miteinander eine deutlich verbesserte Wahrnehmung.
Erste Erfahrungen: Sehr schnell lernten die Erstklässler ihre Mitschüler kennen. Feste Kindergartenformationen lösten sich schon nach mehreren Wochen auf, neue Kontakte wurden geknüpft.
Im Morgenkreis berichten die Kinder kleine Erlebnisse vom Vortag, von dem Schulweg oder von dem, was sie sonst bewegt. Aufmerksam lauschen sie montags nach dem Wochenende bis zu 20 Minuten den noch zart gesprochenen Berichten. Jedes Kind fühlt sich individuell wahrgenommen, und die Klasse übt sich im Zuhören. Im Abschlusskreis können Ereignisse, Wünsche oder Konflikte während des Schulvormittags mit direktem Augenkontakt in der Runde besprochen werden - eine wichtige Voraussetzung für eine gewaltfreie Kommunikation.
Im so genannten „Rhythmischen Teil“ üben wir beispielsweise die Koordination von Armen und Füßen, wir singen, flöten oder lernen, die Ein-Mal-Eins-Reihen mit großen Gesten rhythmisch zu sprechen. Mit einem Blick können die Stärken und Schwächen der Schüler erkannt werden, niemand kann sich verstecken. Im Lernteil erleben die Kinder alles, was in der Mitte entsteht und gestaltet wird. Aus dem offenen Raum heraus entwickeln wir mit Kissen, Seilen, Stöcken, großen Buchstaben, Zahlenwürfeln, Stelzen, Hüpfteppichen oder sogar mit Kindergruppen die vier Rechenarten, neue Worte sowie Formen, die später ins Heft gezeichnet werden.
Im früheren konventionellen Unterricht ergaben sich oft Wünsche, weiter vorne im Klassenzimmer zu sitzen. Bei uns sitzen alle in der ersten Reihe!

2. Mehr Bewegung, mehr Ruhephasen
Heutzutage kommen immer jüngere Kinder in die erste Klasse. In ihren Bewegungsabläufen und ihren Körpersinnen (Tast-, Vital-, Gleichgewichts- und Bewegungssinn)  sollen gerade die Jüngeren nachreifen, aber auch ausatmen können.
Erste Erfahrungen: Vor dem Unterricht und im „Rhythmischen Teil“ balancieren, hüpfen, springen, klettern die Kinder mit Hilfe unserer neuen Bänke, die zu Balancierbalken und zu Türmen, Rutschen, Brücken oder Schluchten verwandelt werden können.
Die Kinder entwickeln durch die Kreisstellung der Bänke ein sehr gutes Raumgefühl. Auch wenn sie in einen leeren Saal oder beim Spielturnen in die Turnhalle kommen, formieren sie sich blitzschnell und schon sehr sicher. Dies bestätigt auch unsere Eurythmielehrerin.
Vieles spielt sich auf dem Teppich in der Mitte ab, dort ruhen sich die Kinder in den Pausen aus, sie lesen Bilderbücher, konstruieren mit unseren Rechenklötzchen oder spielen Gesellschaftsspiele. Zum Märchen-Erzählteil nach 12.00 Uhr gibt es die viel geliebten Kuscheldecken oder ein Bad in Kastanien zum Ausruhen. Der Schulvormittag ist anstrengend, und doch verabschieden sich die Erstklässler mit einem warmen Händedruck. Selbst nach fünf Stunden Schule sind sie alle gut durchblutet. Ein überzeugendes Argument im Hinblick auf die in Zukunft noch jünger werdenden ersten Klassen!

3. Prävention durch Beziehungsvermögen und Rhythmus
Der Klassenlehrer als feste Bezugsperson begleitet seine Klasse durch den möglichst rhythmisch gestalteten Vormittag, dies schafft Sicherheit und Vertrauen.
Erste Erfahrungen: Der Stundenplan war in diesem Schuljahr so gebaut, dass die Sprachstunden, die in vierwöchigen Epochen stattfanden, von der Klassenlehrerin begleitet werden konnten.
Erschöpfte oder zappelige Kinder bekommen eine Rückzugsmöglichkeit, der Unterricht kann ohne Unterbrechung weiterlaufen.
Im täglichen Abschlusskreis werden Lernschritte, Ereignisse aus den Fachstunden und das Pausengeschehen besprochen, die Kinder gehen nach entspannt zum Bus, in den Hort oder werden abgeholt. Alle Schulbelange konnten bereits möglichst innerhalb der Schule besprochen werden. 

4. Eigenmotivation durch die Auflösung des Lehrerzentrierten Unterrichts (Frontalunterricht)
Zusätzlich zur notwendigen Frontalstellung der Bänke, beim Abschreiben von der Tafel oder zur Einführung neuer Arbeitsschritte ermöglichen die mobilen Möbel schon in der ersten Klasse vielfältige methodisch-didaktische Arbeitsformen. Der Lehrer sitzt oft auf gleicher Höhe mit den Kindern. Er ist trotz seiner Autorität einer unter ihnen, vieles wird gemeinsam entwickelt.
Erste Erfahrungen: Durch die neue Beweglichkeit im Klassenraum können ersten Arbeitsaufträge zwischen den Schülern sofort organisiert werden, dadurch ergibt sich eine stärkere Binnendifferenzierung. Wir bauen zu folgenden Situationen um:

­- Bewegungsparcours
- Arbeitsstationen
- Partnerarbeit
- Gruppenarbeit
- Speisetafel zu den Festeszeiten

Dabei wird im Klassenraum jede helfende Hand gebraucht, z. B. beim Umbau der Bänke, für das Sortieren der Sitzkissen und Spiele, zu den akustischen Ritualzeichen oder zum Staubsaugen am Ende des Vormittages. Jeder Schüler kann sich mit seinen Fähigkeiten am Schulvormittag beteiligen. Die Wertschätzung der Kinder untereinander sind als unvergleichlich viel höher als im konventionellen Klassenzimmer erlebbar.
Immer wieder wird die Frage nach der Sitzhaltung gestellt:
Unter dem wachen Auge unserer Schulärztin wurde der Reitersitz auf den Dinkelkissen von Anfang an während des Schreibens und Malens geübt und überprüft. Sicher ist, dass die Kinder hierbei mehr in einer feinen Bewegung sind als auf einem festen Stuhl. Und doch gibt es auch nach vielen Monaten des Übens immer noch einige Erstklässler, die den offenen Raum und die Nähe zum Fußboden als Möglichkeit zum Toben nutzen wollen, wann immer es Gelegenheit dazu gibt, und die gibt es oft. Daran arbeiten wir weiterhin.
Fazit: Die gemeinsame Gestaltung des Unterrichts mit den Kindern aus der Mitte heraus ist ein unschätzbares Geschenk. Dass sie mit Freude und in Bewegung lernen, erfüllt uns täglich mit Stolz, und wir danken unserer Schulleitung und den Eltern, dass dies möglich werden konnte. Alle, die uns besuchten und die Kreativität und Fröhlichkeit der Kinder erlebten, haben uns zu diesem Experiment gratuliert. Also bleiben wir weiterhin beweglich. 

Evi Pfefferle